Tag 1827 – Caissa, wo warst Du…? (long version)

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Verbandsmannschaftsmeisterschaft – 2.Runde – Wiederholungsspiel:

SV Sundern – SV Bergneustadt/Derschlag 4,5:3,5

Ok, ok – dann rappele ich mich mal auf…

Nach langen vereinsinternen Diskussionen, war eine knappe Mehrheit dafür, auf Sunderns *pieps* (möge ein jeder das passende Adjektiv selber einsetzen) Protest und Abbruch, im sportlichen Wettkampf zu antworten – hier nun also das ‚Nachspiel’…

+++ 12:00 Uhr – Eckenhagener Hof +++
Heute treffen wir uns nur zu viert – ja, und da klappt das diesmal tatsächlich mit dem einen Auto (siehe letzter Mannschaftsbericht).

Brrr… – knackig kalter Novembertag, aber Hauptsache trocken, denn bei Schneegestöber sich durchs Hochsauerland kämpfen zu müssen, wäre sicherlich kein Spaß geworden. Aber auch so ist das ’60 Kilometer-Landstraßen-Gejuckel‘ echt nervig – doch die Auferlegung dieser ‚Bußfahrt‘ hatten die ‚Herren Entscheidungsträger‘ ja auch so bezweckt, oder…?!

+++ Ankunft Sundern – gegen 13:30 Uhr+++
Bei unserer Ankunft ist die frostige Stimmung spürbar, aber alle sind redlich bemüht, dies mit oberflächlichen Höflichkeitsfloskeln zu überspielen.

+++ kurz vor 14:00 Uhr +++
Ja und auch bei der ‚Eröffnungsrede‘ des gegnerischen Mannschaftsführers ist die Anspannung nicht zu leugnen – versucht er doch ‚das Sportliche‘ in den Mittelpunkt zu stellen. Aha – so, so ’sportlich‘ also…

+++ 14:00 Uhr +++
So – ‚die Spiele‘ sind eröffnet und wie im Vorfeld vermutet, hat Sundern noch einmal ‚personell aufgerüstet‘ und ihre rumänischen Spitzenspieler einfliegen lassen – Mensch, sind wir wichtig! Damit ergibt sich die Situation, dass wir bis auf ein Brett, nun also jeweils zwischen 50 und 300 (!) DWZ-Punkten ‚hinten‘ liegen und somit klarer Außenseiter sind – aber jammern is‘ nicht, wir werden ‚kratzen und beißen’…

+++ 14:20 Uhr +++
Was ist das? Nach etwa zwanzig Minuten dröhnt plötzlich ein penetrantes Motorengeräusch in den Spielsaal. Ein Blick durchs Fenster verrät uns, dass in unmittelbarer Nachbarschaft ein grell-orange gekleideter ‚Herr‘ mit einem Laubbläser seinen Garten traktiert.

Hm, da huschen bei einigen unserer Gegner doch ängstliche Blicke durch den Raum – und ich könnt‘ mich echt weglachen, als Paul mir dann noch schmunzelnd zuflüstert: „Den hab‘ ich bestellt – für den Notfall…“ Klasse – so kann man mit solchen Situationen natürlich auch umgehen!

+++ 14:40 Uhr – Zwischenstand 0:1 +++
Brett 7: Josef Schulte (1945) – Ekkehart Kiparski (1853) 1-0
Nur kurze Zeit später aber ein Schock in einer sehr eigenartigen Partie. Zunächst ‚blitzen‘ Beide die Eröffnung herunter, ‚hacken‘ alles vom Brett und landen schnurstracks in einem Endspiel. Dort übersieht Ekkehart ein Zwischenschach, verliert die Qualität und alsbald dann auch die Partie. Nach nicht einmal einer Stunde ist bereits Schluss… – was war das denn…?

+++ gegen 16:50 Uhr – Zwischenstand 1:1 +++
Brett 8: Aaron Köllner (1821) – Peter Kevekordes (1888) 1-0
Aaron sorgt für den Ausgleich und für ihn freut es mich besonders! Hatte man ihm doch im ‚Hinspiel‘ den klaren Sieg genommen – ups, jetzt hätte ich fast geklaut geschrieben…

Und endlich wird sein Mut auch mal belohnt! Kompromisslos stürmt er voran und attackiert bereits frühzeitig die gegnerische Stellung. Zwar gerät sein Angriff am Königflügel ins Stocken, egal – kurzerhand wird der Damenflügel anvisiert. Es kommt zum offenen Schlagabtausch und Aaron kassiert Bauer um Bauer am Damenflügel ein. Zwar unterläuft ihm beim Versuch zu vereinfachen ein Schnitzer, aber ‚Schwamm drüber‘ – die gegnerische Zeitnot hilft und Aaron gewinnt gerechterweise die Partie – hier hatte ich den Glauben an Caissa noch nicht verloren…

+++ gegen 17:20 Uhr – Zwischenstand 1,5:1,5 +++
Brett 6: Guido Linnenborn (1878) – Ralf Schober (1988) remis
Ein strategisch interessantes Duell liefert sich Guido – seine ‚optischen‘ kleinen Vorteile kann er jedoch nicht verdichten und so endet die Partie folgerichtig mit einem Remis.

+++ gegen 17:50 Uhr – Zwischenstand 2:2 +++
Brett 5: Mariana Plass (1994) – Volker Hagedorn (1991) remis
Auch Volker hat eine sehr schwerblütige Stellung auf dem Brett – die vielen Verschachtelungen lassen kaum eine Öffnung des Spiels zu. In der Zeitnotphase ist er ob der ‚giftigen‘ gegnerischen Drohungen stets auf der Hut und rettet die Punkteteilung.

+++ gegen 17:55 Uhr – Zwischenstand: 3:2 +++
Brett 4: Friedhelm Michalik (2008) – Heinz Plass (2058) 1-0
Friedhelm bringt uns überraschend sogar in Führung!

Schon früh behakt er einen schwachen Bauern seines Kontrahenten und kann diesen sogar mit Vorteil erobern – doch nach gelungener Konsolidierungsphase wird’s auf einmal hektisch.

Seinem eigenen Bekunden nach, kann Friedhelm die aufkommende Unruhe an seinem Brett zunächst nicht nachvollziehen, als er plötzlich realisiert, dass seine Zeitanzeige von 0.20 nicht Minuten, sondern Sekunden bedeuten! Und da auch sein Gegenüber sich bereits im Sekundenbereich befindet, werden die nächsten Züge runtergezockt. Im allgemeinem Wirrwarr hat Friedhelm dann einen ‚lichten Moment‘ und gewinnt mit einer kleinen Kombi eine Figur – und unverzüglich die Partie.

Die drei ersten Bretter gehen in die Verlängerung…

+++ gegen 19:10 – Zwischenstand 3,5:2,5 +++
Brett 1: Vladimir Doncea (2377) – Christof Köllner (2087) remis
Eine ‚bärenstarke‘ Leistung zeigt Christof mit Schwarz gegen seinen scheinbar übermächtigen Gegner. Stets gelingt es ihm alle kritischen Momente zu kontern und den kleinen weißen Vorteil zu neutralisieren – einzig sein Zeitmanagement gibt Anlass zur Sorge.

So rutscht er von einer Zeitnot in die Andere. Die Stellung ist ziemlich ‚tot‘ remis und so ist der Versuch des ‚Zeitspiels‘’seines Gegenübers offenkundig. Schließlich beantragt Christof ‚Anhang G‘ (besagt ein Remisangebot und bei Ablehnung ein Inkrement von 5 Sekunden pro Zug).

Doncea offensichtlich mit dieser Regel nicht vertraut, lehnt ein Ab- und Umstellen der Uhr ab und fordert zum Weiterspielen unter gleichen Bedingungen auf. Erst das Eingreifen der Mannschaftsführer überzeugt ihn von der Gültigkeit dieser Regel und die Streitigkeiten sind vorerst beigelegt.

Aber nicht lange, denn Doncea versucht Christof weiter ‚platt‘ zu blitzen, als Christof ihn auf seine Notationspflicht hinweist. Widerwillig kommt dieser der Aufforderung nach, um sie einige Züge später wieder zu unterlassen. Erneut protestiert Christof – der offene Streit endet plötzlich damit, dass Doncea wütend die Figuren übers Brett wirft! Also wenn das kein Protestgrund ist!!

Die Einen werden uns das jetzt vielleicht als ‚fehlende Cleverness‘ auslegen, aber irgendwie besitzen wir dieses ‚Gen‘ wohl nicht. Nachdem sich die Gemüter wieder halbwegs beruhigt haben, einigt man sich auf ein Remis.

Dennoch rücken wir wieder ein halbes Pünktchen an unser ersehntes Ziel heran, aber sowohl Paul wie auch ich sind aus der Zeitnotphase mit einem Minusbauern hervorgegangen und müssen beide schwer kämpfen…

+++ gegen 19:30 Uhr – Zwischenstand 3,5:3,5 +++
Brett 2: Paul Stümer (2011) – Christian Gabriel Voiteanu (2239) 0-1
Auch Paul schlägt sich mehr als wacker – ja, er bringt seinen ‚DWZ-gewichtigen‘ Gegner mächtig in Schwierigkeiten – immer wieder versteht er es geschickt, die Partie kompliziert zu halten und zwingt so Voiteanu ‚zeitaufwändig‘ nach Lösungen zu suchen. Dass dieser daraufhin seine extreme Zeitnot mit 10 Zügen in 30 Sekunden überhaupt meistert, grenzt fast an ein Wunder.

Bedauerlicherweise muss Paul in der hektischen Zeitnotschlacht einen Bauern abgeben, aber die Hoffnung bleibt, das Leichtfigurenendspiel vielleicht doch noch zu halten.

Tja, aber mit wieder mehr Zeit ‚auf der Uhr‘, spielt Voiteanu sehr präzise und verbessert Zug um Zug seine Stellung. Letztlich kann Paul den Verlust eines weiteren Bauern nicht verhindern und gibt auf.

Oh Mann – nun steht der Mannschaftskampf ‚Spitz auf Knopf‘ und ich muss es richten…

+++ gegen 19:50 Uhr – Endstand 3,5:4,5 +++
Brett 3: Alexander Stolte (2190) – Frank Chlechowitz (2136) 1-0
Zunächst läuft die Partie richtig gut. Trotz schwarzer Steine überrasche ich meinen Gegner Stolte mit einem aktiv-dynamischen Spiel. Ein baldiges ’30 Minuten-Plus‘ und eine angenehme Stellung mit Schwarz – da kann man nicht meckern.

Leider, leider lasse ich einen schrecklichen positionellen Schnitzer folgen und das Blatt wendet sich. Stolte übernimmt die Initiative und meine etwas vernachlässigte Entwicklung rächt sich. Dem druckvollen Spiel entkomme ich letztlich nur durch die Hergabe eines Bauern und ‚rette‘ mich erst einmal in ein Turmendspiel.

Aber es ist zum Verzweifeln – Stolte spielt dieses Endspiel extrem gut und verfügt blöderweise über zwei Optionen, die zum Erfolg führen könnten. Jede für sich genommen, wäre wohl zu verteidigen, aber es ist gerade die Kombination immer wieder mal mit der einen, mal mit der anderen Option zu drohen, um seine Stellung gewinnbringend zu verbessern.

So sehr ich mich auch mühe, es ist vergeblich und da ist es auch nur ein schwacher Trost, dass selbst die besten Engines das Endspiel nicht halten können.

Alles zusammengenommen vielleicht eine meiner bittersten Niederlagen… – es ist so unglaublich schade, dass unser großer Kampf nicht wenigstens mit einem Pünktchen belohnt wird und ich zudem nicht mithelfen kann, damit der Gerechtigkeit Genüge getan worden wäre.

Um meine Gefühltswelt zu jenem Zeitpunkt zu beschreiben, kommt mir, auch als FC-Fan, irgendwie das Bild ‚Gelsenkirchener Parkstadion Mai 2001‘ in den Sinn, als sich Schalke 04 am letzten Bundesligaspieltag bereits für einige Minuten als Meister wähnte, ehe Rivale Bayern München im doch noch laufenden Parallelspiel in der Nachspielzeit einen unberechtigten Freistoß zugesprochen bekommt, diesen verwandelt und den ‚Knappen‘ die Meisterschale noch entreisst…

…C’est la vie…

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